Die Frage drängt sich auf, und die Antwort ist allzu einfach. Was macht Anna Kournikova, wenn sie nicht mehr Tennis spielt? - Sie wird Model. Für Uhren, für schnelle Flitzer, für Schmuck. Am liebsten sähe sie ihre geneigte Fan-Schar wohl als Werbeträgerin für Dessous. So wie auf den Plakaten in New York während des US Open, als Anna für eine Firma Büstenhalter anpries, mit dem zweideutigen Slogan - "Nur der Ball soll hüpfen".
Das ist es doch, was die Männer wünschen. Nicht zuletzt auch die Marketingstrategen der WTA, der Women Tennis Assocoiation. Man will die Mädchen verkaufen, ihre Emotionen, ihren Charakter, zum Glück auch ihre Persönlichkeit. Nathalie Tauziat klagt in ihrem kürzlich veröffentlichten Buch. Nicht über Anna K., das sexy Girl. Sie beschwert sich über die Sportmanagement-Agenturen, über Octagon. Anna wäre das Opfer ihrer skrupellosen Vermarktung.
"Stimmt in dieser Form nicht", sagt Beat Ritschard, Turnierdirektor der Swisscom Challenge in Zürich-Kloten. "Fototermine organisiert Anna selbst. Octagon möchte diese von ihr geschätzte Nebenbeschäftigung eher bremsen. Wir wünschen lieber den sportlichen Erfolg.
Anna hätte am liebsten jeden Tag einen Fototermin. "Dann kriegt sie da eine Edeluhr, dort eine Nobelkarosse", sagt Eric van Harpen, der Anna knapp ein Jahr lang als Coach begleitet hat. "Man macht sie zur Königin." In der Tat ist die Tennisspielerin Kournikova die meist begehrte Werbepartnerin. Ihr Jahreseinkommen nebst den Preisgeldern aus ihrer eigentlichen Tätigkeit, dem Tennis spielen, wird auf rund 20 Millionen Dollar beziffert. "Sie müsste eigentlich nicht mehr Tennis spielen", sagen die Manager von Octagon, die ihr die grossen Deals einfädeln. Bei diesem Einkommen darf auch etwas für den Coach abspringen. Mit 3000 Dollar pro Woche vergütete die 19-jährige Russin die Dienste Van Harpens. Noch kein Direktorengehalt, auch wenn man die Dollars in Pesetas umrechnet, die Lebenskosten auf Mallorca im Vergleich zu denjenigen in Deutschland oder der Schweiz bedeutend tiefer sind. Aber Van Harpen muss fürs Alter vorsorgen, ist nicht durch eine AHV oder eine Pensionskasse abgesichert.
Bei diesem plötzlichen Reichtum ist auch eher verständlich, dass die öffentliche Begehrlichkeit an der Person Anna am dünn seidenen Korsett einer Alla Kournikova zerrt. Über Nacht ist die Mutter aus dem grauen Moskau in das gleissende Scheinwerferlicht jener Tennisbühne geworfen worden, die ein Millionenpublikum umsäumt. Sie steht zwar immer hinter ihrer Tochter, "ist in ihrem Verhalten am Rande des Tenniscourts äusserst korrekt", sagt Van Harpen. Dennoch machte jüngst hartnäckig das Gerücht die Runde durch den internationalen Blätterwald, Alla fülle statt isotonischer Getränke Bier in ihren Plastiokbidon.
Sie treten immer gemeinsam auf, die beiden attraktiven blonden Damen. Anna hohlkreuzig, Alla nicht minder selbstbewusst, im Stile des amerikanischen Lebensmottos: Wir sind wer! - Dabei stammt die Familie aus bescheidenen Moskauer Verhältnissen. "Wir wollten eigentlich gar nicht, dass Anna eine Tennislaufbahn einschlägt", sagte Mutter Alla vor fünf Jahren in Klosters, anlässlich der European Junior Championships, wo Anna 14-jährig ihren ersten grossen internationalen Titel gewann. Man gab sie in die Obhut des Tennisclubs Spartak. Betreut wurde Anna von Larissa Preobratenskaya, Angestellte des russischen Tennisverbandes, Nationalcoach, weisshaarige Eminenz in dieser Riege erfolgreicher Moskauer Trainerinnen. Sie war es, die das Talent Kournikova entdeckte, als diese sieben Jahre alt war.
Sechs Jahre später spielte die Kournikova am Kremlin Cup mit. Talentsucher Paul Theofanous von der Sportmanagerfirma IMG war beeindruckt von ihrer Schlagkraft und ihrem technischen Können. Ein Vertrag wurde unterzeichnet. Mutter und Tochter siedelten alsbald um nach Florida, zu Nick Bolletieri. Vater Sergei, Professor für Sporterzeihung an der Akademie in Moskau, blieb zu Hause, weilt auch heute nur selten an den Turnieren, die Anna bestreitet. Sowohl von Bollettieri als auch von IMG hat sich Kournikova mittlerweile getrennt. Als im Frühjahr 1999 der Posten eines Kournikova-Coaches neu zu besetzen war, blieb der ehemalige Trainer von Patty Schnyder, Eric Van Harpen, der heisseste Kandidat. "Anna ist natürlich schon ein anderes Kaliber als Patty", meinte der Holländer mitten im Garros-Trubel begeistert. Kurz darauf war er engagiert, macht er sich in seiner bekannten Art daran, den rohen Diamanten zu schleifen, aus Anna jenes Potenzial herauszukitzeln, das er schon immer in ihr gesehen hatte. Tennis spielen ist Arbeit. So lautete schon immer die Devise Van Harpens, auch im Training. Und so hatte er schon immer Erfolg. Mit Conchita Martinez, mit Arantxa Sanchez und mit Patty Schnyder. Viele stufen den ehemaligen Bundesliga-Torhüter als harten Hund ein, als Trainer ohne Kompromisse. Schliesslich ist er es gewohnt, dass seine Schützlinge schon bald den Titel als "Most Improved Player" einheimsen.
Dass derlei Auszeichnungen mit Anna K. nicht möglich sein würden, war Eric zum vornherein klar. Von ihr wollte er ein anderes direktes Kompliment erhalten. Zusammen mit ihm sollte Zuckerpuppe Kournikova auch auf dem Tenniscourt von sich reden machen. Mit Turniersiegen, endlich. "Wobei Turniersiege allein über den Wert einer Tennisspielerin nicht viel aussagen", ist Van Harpen überzeugt. "Entscheidend für mich ist, dass Anna alle grossen Spielerinnen schon bezwungen hat. Du musst nicht unbedingt Wimbledon oder Garros gewinnen. Aber immer in den Top Ten vertreten sein." Van Harpen erinnert an Iva Majoli, die Garros gewann. Kurze Zeit darauf hörte man nichts mehr von der Kroatin. Van Harpen hat eingesehen, dass die Zusammenarbeit mit Kournikova alles andere als ein Zuckerlecken ist. "Ich muss Freude haben bei meiner Arbeit, das Gefühl haben, dass man weiterkommt. Schliesslich habe ich seit zehn Jahren keine Ferien mehr gehabt, eine junge Frau und eine liebenswürdige Tochter zu Hause in Cala Ratjada. Da soll sich meine Arbeit schon lohnen."
Die Trennung verlief abrupt. Eine kurze Mitteilung in der französischen Sportzeitung "L'Equipe", mit der Bemerkung Annas, man hätte eine Arbeitspause eingeschalten. "Das entspricht nicht den Tatsachen", sagt Van Harpen zur Trennung. Man hatte wieder einmal wie üblich Meinungsverschiedenheiten auf dem Trainingsplatz. Anna traf die Grundlinienbälle nach Ansicht des Trainers immer zu spät. Van Harpen intervenierte. "Was soll ich denn machen?" fragte Anna. "Es gibt zwei Möglichkeiten", gab Van Harpen lakonisch zurück: "Entweder gehst Du näher zum Ball oder zu einem Augenarzt." Es erfolgte ein wilder Disput zwischen Mutter Alla und Tochter Anna auf den Court. "In Russisch, ich verstand kein Wort." Van Harpen war eine Stunde später auf dem Kennedy Airport. Anna hatte die Bälle falsch hüpfen lassen.
Während sich andere Tennisspielerinnen um eine erfolgreiche Arbeit auf den Courts abmühen, glaubt Anna, der Erfolg falle ihr in den Schoss. "Acht Monate lang habe ich versucht ihr einzubläuen, dass der nächste Schritt nach oben nur mit Arbeit möglich ist." Eric van Harpen vermisste die Disziplin, "und ohne Disziplin ist es fast nicht möglich, zu der Gruppe der besten Spielerinnen zu gehören. Anna hat Mühe, sich unterzuordnen. Das ist Einstellungssache. Aber von einer Königin darf man keine Disziplin erwarten."
Man hat sich einvernehmlich getrennt. Nur eines hat Van Harpen gefuchst. Wie er den Match Kournikova gegen Davenport am Fernsehen mitverfolgt hat, spielte sie plötzlich so, wie er es immer von ihr gewünscht hatte. - Das ist so die Eigenart der Kourniova. Da fällt ihr Pavel Bure, der russische Eishockeytorjäger der Florida Panthers, im Restaurant Forge zu Füssen, überrascht sie mit einem Brillantring. Man spricht von Verlobung und baldiger Heirat. Tage darauf wird Anna K. wieder mit Sergei Fedorow, dem russischen Star der Detroit Red Wings, abgelichtet. Bure hat zwar im selben Penthouse, in dem Kournikova residiert, ein Appartement, aber Anna scheint Fedorow doch vorzuziehen, wenngleich sie auch schon heimlich in den Porsche von Nicolas Lapentti gestiegen ist. Das Leben als Tennisspielerin kann doch so schön sein.